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Wanderer in Sandwüste

wenn nichts passiert

Wie wir mit Durststrecken

umgehen können

Sind wir nicht angetreten, die Welt zu verändern? Zumindest die Welt einzelner Menschen? Doch was, wenn wir trotz jahrelanger Investition in Menschen nicht den erwünschten Fortschritt sehen? – von Matthias Klotz

Anna* kam schon als Kind zum Stoffwechsel. Sie ist so chaotisch, dass selbst Sabine Ball einmal die Geduld verliert und sie zum Schutz der anderen Kinder wegschicken möchte. Doch ein Mitarbeiter sagt: „Nein Sabine, ich glaube an sie!“ Viele Jahre später entwickelt Anna ein Interesse am Glauben und findet ihren Platz in unserer Hausgemeinschaft. Sie steckt jeden mit ihrer Freude an, ist kaum zu bremsen. Doch dann erlebt sie eine unerwiderte Liebe und alles fällt wie ein Kartenhaus zusammen. Sie will von Gott und von uns nichts mehr wissen, zieht sich zurück und versinkt in einer jahrelangen Durststrecke von Depressionen. (*Annas Namen und Geschichte haben wir zu ihrem Schutz verändert)

Wir erleben das immer wieder: Menschen haben Erkenntnisse, ändern ihr Verhalten, lernen vielleicht, wie man mit Geld umgeht, bleiben an der Ausbildung dran, bringen kaputte Beziehungen in Ordnung… Manche entdecken den Glauben für sich. Eine Hochphase. Und dann holt sie plötzlich ihr altes Leben ein. „Störungen“ aus der Vergangenheit – Bindungen, Personen, Ereignisse und Verhaltensweisen – werden zum Kipppunkt und werfen sie wieder zurück.

Wie gehen wir mit solchen Rückschritten um? Wie behalten wir die Motivation, wenn trotz jahrelanger Investition scheinbar nichts passiert? Im Frühjahr nahmen wir uns als Team die Zeit, miteinander über diese Fragen nachzudenken. Folgendes ist uns dabei wichtig geworden:

  1. Rückschritt ist manchmal Fortschritt. Denn das Leben folgt oft Wellenbewegungen und in den Abwärtsbewegungen kommen Probleme hoch, die zuvor gut verborgen waren. Das ist hart – aber notwendig. Denn nur Themen, die ans Licht kommen, können auch bearbeitet werden. Und in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Rückschritt liegt bereits der Keim für Heilung und neue Stabilität.
  2. Es hilft, eine größere zeitliche Perspektive einzunehmen. Menschen sind unglaublich komplex und es ist trotz jahrelanger Praxiserfahrung schwer einzuschätzen, wo sie wirklich stehen. Oft genügt ein kleines Moment und eine lang erhoffte, wunderbare Veränderung bricht durch. Wir können nicht abschätzen, wann es sich anbahnt und ob Gott nicht schon längst in jemandem am Wirken ist.
  3. Es gibt immer etwas Gutes in einem Leben zu finden. Wenn man sich darauf konzentriert, wächst auch die Hoffnung – in uns selbst und im Leben, um das es geht.
  4. Behalten wir das richtige Ziel im Auge. Na klar: Wir wollen, dass Menschen Jesus kennenlernen und sich dadurch auch ihr Leben verbessert. Doch es geht nicht nur um sichtbare Ergebnisse, sondern um die Menschen selbst. Deshalb wollen wir ihnen Raum in unseren Herzen geben, sie hoffnungsvoll begleiten und bedingungslos lieben – selbst dann, wenn sie auf Abstand gehen. Diese Haltung einzuüben ist ein wertvolles Ziel in sich und bildet den gesunden Nährboden, auf dem auch die anderen Ziele wachsen können.
  5. Wir sollten unsere Verantwortung kennen. Nicht wir sind diejenigen, die Veränderung letztlich bewirken. Unser Teil der Verantwortung ist es, sensibel zu sein und all das weiterzugeben, was Gott uns gegeben hat – nichts davon zurückzuhalten. Ob und wann dadurch eine Veränderung passiert, dürfen wir vertrauensvoll in Gottes Hände legen – und in die Verantwortung der Menschen selbst.

 

Zurück zu unserem Eingangsbeispiel: In den letzten Jahren konnten wir Anna verschieden intensiv begleiten – mal näher, mal weiter entfernt. Unser Charakter hat sich nicht in den leichten Zeiten gezeigt, sondern gerade dann, wenn es schwer war. Wir haben ausgehalten und uns zu ihr gestellt – mitten im Auf und Ab der Wellen. Es gibt noch kein Happy End. Doch mittlerweile hat sie sich wieder angenähert und es gab Versöhnung mit uns. – Wir geben ihr einfach weiter Raum in unserem Herzen.

 

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Mehr zu diesem komplexen Thema findet ihr in einem kleinen Podcast

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